Sonntag, 20. November 2016

The Grand Tour (2016 / Amazon Prime) - Gedanken zur Pilotfolge

...He is technically the only one of us never to be fired by anyone...
Richard Hammond stellt seinen Moderations-Kollegen Jeremy Clarkson mit einem Augenzwinkern vor  

©Amazon


Die "Autosendung" Top Gear begeisterte seit 2003 (nicht nur) Automobilfreunde rund um den Globus in Scharren.
Mit einer Mischung aus oberflächlichen Kritiken über Luxuskarossen, Große-Jungs-Charme und immer verrückter werdenden Challenges verwandelte der berüchtigte britische Autojournalist Jeremy Clarkson, zusammen mit Produzent Andy Wilman, das einst biedere Automagazin der BBC in die meistgesehene nicht-Fiktionale Fernsehsendung der Welt.
Gemeinsam mit Richard Hammond und James May (Welcher in der 2.Staffel den in Vergessenheit geratenen Jason Dawe ersetzte) erschuff Clarkson einen televisionären Männerspielplatz für den die Autos immer nur der Anlass, aber nie der Hauptinhalt waren. Dazu gehörte auch, und in zunehmenden Maß, auf Provokation zu setzten: mit fiese Sprüche gegen Umweltaktivisten, Loblieder auf Verbrennungsmotoren, Machogehabe und schwarzhumorigen Witze über so ziemlich jedes Land welches nicht Großbritannien ist, war es insbesondere Clarkson der wusste anzuecken und dabei nicht selten für einige über die Stränge schlug. Daneben waren es insbesondere die Frotzeleien zwischen den drei Moderatoren welche der Hauptantrieb der Sendung waren. Das stimmige Zusammenspiel zwischen dem Orang-Utan (Clarkson), Hamster (Hammond) & Captain Slow (May) vollendeten einen erfolgreichen Mix, der so Erfolgreich war dass die BBC auch über den ein oder anderen kontroversen Skandal hinwegblickte.
Doch nachdem Clarkson gegenüber einem Produktionsmitarbeiter handgreiflich geworden sein soll, entschloss sich der öffentlich-rechtliche Sender seinen Vertrag nicht zu verlängern. 
Lange blieb unklar wie es weitergehen würde, schnell kristallisierte sich aber heraus das Hammond und May ihrem Kumpel treu bleiben würden und dass wohl ein Onlinedienst die neue Heimat des Trios werden würde. Anfangs galt Netflix als Favorit, doch schlussendlich setzte sich der Onlinehändler Amazon durch.    
Nach längerer Wartezeit wurde dann schließlich bekannt gegeben dass das neue Format auf den Namen The Grand Tour hören würde.
Als dann auch noch das "neue" Top Gear mit Chris Evans und Matt LeBlanc bei der BBC floppte, wuchs die Vorfreude und das Bangen, ob die neue Show dem Ruf des quasi-Vorgängers gerecht werden würde, ins unermessliche...



Die Pilotpisode beginnt mit Clarkson wie er an einem veregneten Tag in London seinen Firmenausweiß (vermutlich bei der BBC) abgeben muss und im Autoradio Berichte über seinen Beruflichen Paradigmenwechsel hört als er sich schnurstracks zum Flughafen aufmacht.
Im sonnigen Kalifornien deutet nicht nur die Hintergrundmusik (I can see clearly now the rain has gone...) an, dass nun ein neues Kapitel begonnen hat: Während einer Autofahrt durch einsamer Wüste sind es nicht nur seine beiden Kollegen die sich alsbald dem Orang-Utan anschließen, sondern eine ganze Kolonne an verschiedensten Fahrzeugen.
Am Ender ihrer Reise erwartet die Dreien schlussendleich eine Auftaktfeier im Burning Man-Sytle. In üblicher Manier stellt man sich gegenseitig dem Publikum indem man erwähnt wo der jeweils andere bereits gefeurt wurde (bis auf Clarkson natürlich, der ist selbstvertändlich noch nie irgendwo rausgeflogen  ;) ).
Schnell stellt sich das Gefühl ein als wäre die Dreiergruppe nie weg gewesen, einzig das neue Studio errinert daran das man es mit einer neuen Sendung zu tun hat. Das helle Studiozelt (welches jede Woche an einem neuen Ort aufgeschlagen werden soll) hebt sich deutlich von der Bunker-Atmosphäre aus BBC-Tagen ab.
Die Idee jede Woche von einem anderen Ort macht Sinn, galten die Auslands-Sonderfolgen doch als Highlight einer jeden Top Gear-Staffel.

Als erstes belehrt Clarkson in der Premierenfolge erstmal das amerikanische Publikum, dass dieses wichtige Teile eines Automobils völlig falsch benennt, und Hammond & May wundert sich darüber warum sie das Lenkrad auf die "falsche" Seite bauen.
Im ersten richtigen Beitrag geht es, wie so häufig, darum dass das Dreigestirn sich nicht einigen Kann wer sich den besseren Luxus-hybrid-flitzer ausgesucht hat. Eine Reihe von Herausforderungen auf einer portugiesischen Rennstrecke soll die Antwort bringen, und es dauert nicht lange bis sich die üblichen Sticheleien, bzw. "Banter" (wie man das im Vereinigten Königreich nennt), und Missgeschicke entfalten. Wie im Autoquartett werfen sich die Moderatoren die Vorzüge ihrer Vehikel an den Kopf, doch im großen und ganzen erhalten wir hier erstmal nur (Top Gear)-Standardkost. Die jedoch auf dem üblich hohen Niveau, weshalb man sich durchaus unterhalten fühlt.
Im Studio wird uns darauf die neue Rubrik "Conversation Street" vorgestellt, in der über allerei Auto-bezogenes diskutiert werden soll. Anfangs ist das Studio-Publikum jedoch vor allem vom dazugehörigen Intro-Clip und einer eher peinlichen Anekdote über James May begeistert.
Als nächstes wird uns der "Ebola-Drome" (so genannt weil er dem gleichnamigen Virus ähnlich sieht), die neue Teststrecke der Sendung, vorgestellt. Auch hier kommt der typische Top Gear-Humor zum Tragen, etwa wenn erwähnt wird das an einem Ende eine ältere Lady ihr Häuschen bewohnt und am anderen eine Schafherde grast. Passend dazu erfahren wir auch die Identität des neuen Testfahrers (Stig, der mysteriöse Rennfahrer früherer Tage, ist bei der BBC verblieben): Mike Skinner, früherer NASCAR-Fahrer und aufgrund seiner Herkunft nur "The American" genannt. Ähnlich wie sein Vorgänger wird er in den kommenden Ausgaben diverse Vehikel testen um deren Rundenzeiten zu vergleichen. Allerdings ist er nicht so wortkarg wie sein Vorgänger, weshalb wir uns über den ein oder anderen grummigen Kommentar zu Auto und Moderatoren-Trio freuen dürfen.
Apropos, die Anzeigetafel, auf der die Rundenzeiten vermerkt werden, wird nicht mehr händisch sondern digital aktualisiert, was der ganzen Sache ein wenig ihren Charme nimmt.
Ersatz für den "Star in a reasonably priced car" soll der "Celebrity Brain Crash" sein, angeblich ein sehr anspruchsvoller Psychotest der Royal Air-Force. Doch dummerweise schafft es keiner der eingeladenen Promis (u.a. Jeremy Renner) lebendig ins Studio, und so muss die Premiere dieses Apparates auf die nächste Folge verschoben werden.
Abschließend sehen wir noch den Abschluß des Hybriden-Test bevor die erste Ausgabe von The Grand Tour auch schon wieder vorrüber ist.
Und wie hat sie uns gefallen?

Fazit

Eins vorweg: Wer The Grand Tour wirklich genießen will sollte sich die Sendung im Originalton anschauen, die deutsche Voice-Over-Synchro fängt das Feeling des Originals leider kaum ein. Clarkson und May haben ihre alten Sprecher behalten, Hammond hat einen neuen erhalten (der alte hatte laut Amazon "terminliche Probleme", mir ist nicht bekannt ob dies nur die Pilotfolge oder die komplette Staffel betrifft.) .
Im Großen und Ganzen kann man sagen dass The Grand Tour die Erwartungen erfüllt, wenngleich man herrausragende Highlights (wie sie der Trailer verspricht) in der Auftakt-Folge noch vergeblich sucht.

Lobenswert ist der technische Aufwand den Amazon betreibt: Im Vorfeld war von einem "rekordverdächtigen" Budet die rede, und auch wenn die genaue Summe unbekannt bleibt kann man sagen: "the money is clearly on the screen!": Drohnenkameras, 4K, HDR  usw. - Wer die notwendige Heimkino-Technologie im Haus und einen leistungstarken Internetanschluss hat kann sich auf ein optisches Meisterwerk gefasst machen!

Auf gewisse Weiße lässt sich The Grand Tour mit dem neuen Star Wars-Film vergleichen: Nach einer eher enttäuschenden Neuauflage (Prequel-Filme/Top Gear mit Chris Evans) müssen die alten Helden erst einmal beweisen dass sie es noch drauf haben! Und diese Erwartungen erfüllen sie auch, alte Top Gear-Fans werden an The Grand Tour zweifelsfrei ihre freude haben. Selbst Personen ohne Führerschein und Begeisterung für Autos (wie der Verfasser dieser Zeilen) werden sich, entsprechende Bereitschaft vorrausgetzt, von den drei erwachsenen Lausbuben unterhalten fühlen.
In den kommenden Episoden können diese aber gerne noch einen Gang höher schalten.

Trailer

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